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Lyrik und Akkordeon: Arnold Leifert und Cathrin Pfeifer in der Stadtbibliothek

Vom richtigen Zeitpunkt des Nägelsetzens

Gütersloh. Wer im ausgehenden Jahrtausend, angesichts von Überbevölkerung und Umweltverschmutzung, Naturlyrik schreibt, der muß außerordentliches Selbstbewußtsein, Sprachgefühl und den Blick weniger für das Unverfängliche, als für das Wesentliche im Kleinen besitzen. Arnold Leifert verfügt darüber in solchem Maße, daß ihm, dem Lehrer und sogenannten "Nebenerwerbslandwirt" im Bergischen Land, der Rückzug als Autor ins Private nicht zum Vorwurf gemacht werden kann. Der braucht nicht einmal auf sein umweltpolitisches Engagement hinzuweisen, um seine Neigung zur Naturlyrik zu legitimieren. Am Sonntag stellte Arnold Leifert eine Werkauswahl in einer Matinee in der Stadtbibliothek vor. Musikalisch begleitet von Cathrin Pfeifer, die ihrerseits dem so vertraut geglaubten Akkordeon ungewohnte Klänge entlockte und mit ihren Kompositionen gleichrangig am Gelingen des anderthalbstündigen Vormittags beteiligt war.

Goethes Wort, daß "höchste Lyrik entschieden historisch" sei, trifft ohne gleich eine Wertung vorzunehmen, auch auf Arnold Leiferts Gedichte zu. Er schreibt aus eigenem Erleben, und das mit einer unerhörten stilistischen Präzision und einer Konzentration des Ausdrucks, die unmittelbar die Imaginationskraft des Lesers beflügelt. Ein Gedicht seines ersten im Horlemann Verlag 1994 erschienenen Bandes heißt "Vom Handwerk" und beschreibt und bestätigt zugleich seinen Stil: "Es wäre gut/ Nägel zu setzen/ zum richtigen Zeitpunkt/ an den richtigen Ort/ mit wenigen Schlägen". Diese Lakonik bewahrt seine Naturbetrachtungen, die sich oft auf sein Bauernhaus im Bergischen Land und diese Landschaft beziehen, vor jeglicher Sentimentalität. Wenn er sich Alltägliches, Zufälliges oder auch Besonderes wie den Skorpion im Haus eines Freundes in Südfrankreich vornimmt, dann geht realistische Schilderung einher mit einer poetischen Überhöhung des realen Gegenstandes. Leiferts Lyrik verschließt sich nicht hermetisch dem Verständnis noch biedert sie sich an und sucht das Gefällige im Schönen. Die Wahrhaftigkeit wird nicht einer schönen Poesie geopfert, wie das Gedicht "Noch Winter" beweist. "20. Januar/ in der Dämmerung/ des späten Nachmittags/ fällt eine weiße Feder/ vom Dach/ der Nestbau/ beginnt/ im Frost".

Beobachtet Arnold Leifert in seiner Lyrik weitgehend den eigenen heimischen Bereich, widmet auch schon einmal in ihrem leisen Witz hingeworfene Gedichte dem Schalterbeamten von Hohn-Much oder seiner Zahnärztin, so verläßt Cathrin Pfeifer in Spiel wie Komposition Deutschland und damit den angestammten Ausdrucksbereich des Akkordeons und beweist in ihren eher extrovertierten Stücken, die damit in spannungsvollem Gegensatz zu der Innerlichkeit von Leiferts Lyrik stehen, eine verblüffende Vertrautheit mit der südamerikanischen Musik, mit Tango und Milonga.

Die Berlinerin ist nicht nur eine Virtuosin auf ihrem Instrument. Sie verfügt auch über den "Zungenschlag", der dem Tango und anderen Tänzen erst ihre Authentizität gibt, und ist doch zugleich eine faszinierend-filigran arbeitende Kammermusikerin, die Leiferts Gedichte nicht nur kontrastierend interpretiert, sondern auch atmosphärisch untermalt.

Da verhalf an diesem Vormittag erfolgreich das Akkordeon der Poesie aus ihrem Nischen-Dasein, und eine literarische Gattung wirkte mit, ein verkanntes Instrument ins rechte Licht zu setzen.

M. Gans "Neue Westfälische" Gütersloh 4.3.1999


 

Das Recht der Amsel aufs Zetern

Arnold Leifert las neue Texte - Cathrin Pfeifer spielte Akkordeon

Much - "Mit einem Schnitt/ reißt der Tod der Nacht". So dramatisch kann es zugehen in einem Gedicht. Arnold Leifert gelingt dieser mitreißende Auftakt mit Blick auf ein ganz alltägliches Phänomen: "Aufstehn", so der Titel dieses Textes aus jüngster Zeit über das Ende der Nacht: "ein Auge reicht für/ die Strahlen der Sonne// wir wissen warum wir/ uns nachts nicht verdunkeln// der Tod der Nacht/ erotisch wars/ wüst gings her in/ den Wünschen//...". Leiferts Blick auf den Menschen im immer spannenden und gespannten Verhältnis zu seiner wie der äußeren Natur folgten jetzt gut 50 Zuhörer in der Mucher Gaststätte "Schublade". Der Abend mit Lyrik und Live-Musik - Cathrin Pfeifer aus Berlin am Akkordeon - geriet atmosphärisch dicht, literarisch reich und anregend.

Dichter und Musikerin sind ein gut aufeinander abgestimmtes Duo. Umspielend und untermalend hob Cathrin Pfeifer gesprochene Verse auf eine andere Klang-Ebene. Ihre Soli - neue Eigenkompositionen - orientierten sich am Tango, am Musette-Walzer oder anderen traditionellen Formen, die sie aufgreift, mischt und bricht. Vertrautes im neuen Gewand, geschickte Dramaturgie der Tempi und Rhythmen - das war effektvoll und eingängig.

Aus Leiferts neuen Gedichten spricht eine hohe Achtung vor Natur und Tieren im Besonderen, ganz im Sinne von Beachten, Beobachten und Schätzen. Das ist keine verklärte romantische Liebe, dahinter steckt eher eine vorurteilsfreie Haltung des Bewahrens, auch des Nichtromantischen , und sei es das nervende Zetern einer Amsel, zu dem der Vogel ein Recht hat, haben soll. Das Ich dieser Texte gewinnt dabei, gewinnt Aufschluß über das eigene Selbst und Leben im Zwiegespräch mit der Natur, die die eigene, menschliche Natur spiegelt oder relativiert. Damit verbunden ist Skepsis und Ironie gegenüber scheinbaren Wichtigkeiten der Zivilisation.

"Oktober" heißt ein Gedicht, das Leiferts Kunst besonders anschaulich macht: "die Früchte des Jahres/ ausgebreitet zum Trocknen// in der Sonne/ auf den Heizungsrippen// in der Scheune abgehängt am Joch// in den Zufallsstapeln/ der Dichter// sammeln sich die Bilder/ auf der Rückseite// eines Amtsbriefes/ trocknet ein Gedicht". Landleben, Erntefest im Hof und im Dichterstübchen. Der Prozeß des Dichtens ist, wenn kein natürlicher, so doch einer parallel zur Natur - wachsende Erkenntnis. Und der Amtsbrief, das Signal aus der Welt der konstruierten Regelwerke, hat zumindest ein Gutes: eine freie Rückseite. Eine Pointe, die das Auditorium mit Lachen quittierte.

Früher, in den politisierten 70-er Jahren, kam die Kritik der Literatur viel direkter daher. Montagen aus Gebrauchstexten schafften den Eindruck von gesellschaftlichem Bezug und Authentizität. Leifert flicht eigene Beispiele solchen Schreibens gerne in seine Lesungen ein, diesmal auch eine Prosamontage aus den Monopoly-Spielregeln. Und siehe da, das ist zwar alt, aber noch immer aktuell: "Helft nicht anderen Spielern, ihren Besitz zu überwachen. Am Ende des Spiels gewinnt der reichste Spieler." Nur - dieser witzig gemachte, klare Angriff auf klare Verhältnisse mit deren eigener Sprache ist das eine, ist nicht alles. "Nüsse fallen ins Ungewisse" oder das "Mysterium der Glühwürmchen", das spricht von dem anderen - von den (schönen, poetischen) Rätseln, die uns bleiben.

Jürgen Röhrig "Kölner Stadt-Anzeiger" Köln 23.11.2000